Fatale Fehlspekulation 

Viele versichern sich gegen Risiken, denn sie haben einen aufmerksamen Blick auf Gefahren und scheuen spekulative Wagnisse. Im Umgang mit Mitmenschen jedoch sind sie sich oft nicht bewusst, dass sie ständig spekulieren und damit Beziehungen aufs Spiel setzen.


Erinnern Sie sich noch an die bekannte Geschichte, bei der ein Mann ein Bild aufhängen wollte, jedoch keinen Hammer hatte? Just als er zum Nachbarn gehen wollte, um sich einen auszuborgen, stoppten ihn Zweifel, denn der Nachbar war in letzter Zeit so kurz angebunden und gestern hat er nicht einmal gegrüßt. Hatte er ihn nicht bemerkt oder hat er nur so getan, um ihn nicht grüßen zu müssen? Vielleicht hatte er etwas gegen ihn, aber was? Er hat ihm doch nichts getan! Und so flogen seine Gedanken weiter. Er selbst würde jedem sofort seinen Hammer ausborgen, wenn er einen hätte. Und warum der Nachbar nicht? Wie kann man den Mitmenschen solch einen Gefallen abschlagen? Bildet sich der Typ eigentlich ein, dass man auf ihn angewiesen sei? Jetzt reichte es ihm wirklich und er raste zum Nachbar rüber, läutete und schrie ihm ins Gesicht: „Behalt doch Deinen Hammer, Du Rüppel!“ Die Originalgeschichte finden Sie in Paul Watzlawicks „Anleitung zum Unglücklichsein“.

Wie leicht interpretieren und werten wir Situationen, Reaktionen oder Handlungen von Menschen aus unserer eigenen Befindlichkeit heraus oder nach dem äußeren, oberflächlich sichtbaren Eindruck. Ohne großes Nachdenken nehmen wir etwas wahr und glauben zu wissen, was Sache ist. Allerdings ist das nichts anderes als Spekulation – es basiert auf unseren inneren Bildern, sozusagen unserem individuellen „Bild der Welt“, das aus gemachten Erfahrungen entstanden ist und in das unsere alten Geschichten einfließen. Erkenntnisse der Hirnforschung bestätigen: Wenn wir bestimmte Begriffe hören oder Handlungen beobachten, „verdrahtet“ unser Gehirn Vorstellungen und Wertungen und "errechnet" daraus eine Bedeutung. Gemäß neurolinguistischen Erkenntnissen geschehen diese „Verdrahtungen“ im Gehirn völlig unbewusst.

Zwei Beispiele: angenommen, Sie bekämen die Information, dass der Autor dieser Zeilen es in seinem Leben noch an keinem Arbeitsplatz länger als sechs Monate ausgehalten habe. Oder Sie erfahren, dass es sich bei einem soeben kennengelernten Tanzpartner um einen Gebrauchtwagenhändler handelt. Sofort entstehen bei Ihnen neue innere Bilder und dazugehörende Bewertungen. Wir treffen jemanden, der asiatisch aussieht, und sprechen ihn direkt auf Englisch an – doch vielleicht „babbelt“ er genau so Hessisch wie wir.

Wie gehen wir eigentlich mit unserem Leben und unserem Vermögen um? Bei der Altersvorsorge, der Prävention gegen Krankheiten oder beim Schutz gegen andere empfundene Gefahren machen wir uns sehr oft ganz gründliche Gedanken über Risi­ken, Kosten und die Zukunft. Mithilfe von Versicherungsspezi­alisten oder Anlageberatern versuchen wir sogar, vielfältiges Wis­sen so einzubeziehen, dass Risiken erfolg­reich optimiert und Erwartungen und Ziele best­mög­lich erreicht werden können. Wir richten also einen ganz besonderen Blick darauf und versu­chen, Diagnosen durch Wissen zu erhärten. Wer eine berufliche Veränderung anstrebt oder als Unterneh­mer Zukunftsentscheidungen trifft, orientiert sich diszipliniert an Fakten, auf die er sein Handeln stützt. Mit Risikobewusstheit und Informationen sichern wir unsere Einschätzun­gen und Zukunftsentscheidungen ab.

Und im Umgang mit unseren Mitmenschen, Arbeitskollegen oder Mitarbeitern? Geht es denn hier nicht auch um etwas Kostbares und um unsere Zukunft, nämlich um Beziehungen, wenn man beispielsweise als Unternehmer an motivierte Mitarbeiter denkt? Der Vergleich zur „üblichen“ Herangehensweise als Sparer, Vorsorger und Beschützer unseres Eigentums zeigt einen dramatischen Unterschied: In unserer Kommunikation „vermuten“ wir sehr oft, und geben uns nicht die Zeit, durch Rückfragen Gewissheit zu erlangen.  

Die Geschichte mit dem Hammer zeigt, welch abstruse Situationen durch dieses „glauben zu wissen“ entstehen können. Besonders fatal wirken sich diese Spekulationen im Kontakt mit anderen aus, wenn wir diesen automatisch etwas unterstellen, wie etwa die Interpretation des flüchtigen Grußes in der obigen Geschichte. Wenn wir mit diesen Unterstellungen falsch liegen, kommt es garantiert zu ungewollten Missverständnissen. So entstehen Konflikte – und zwar nicht nur zuhause oder mit dem Nachbarn, sondern auch kollegiale Konflikte auf der Arbeit. In Unternehmen führt das letztlich zu demotivierten Mitarbeitern und Dienst nach Vorschrift.

Bevor man also Mitmenschen, Nachbarn oder Kollegen Böses unterstellt oder Gemeinheiten vermutet, ist es gut – nach dem Motto einer Vorsorgeentscheidung – bei diesen nachzufragen, wie der Sachverhalt tatsächlich ist. Nur so können wir wirklich Klarheit erlangen. Denn wenn wir ein bisschen so kommunizieren würden, wie wir Kopf-Entscheide fällen, hätten wir viel weniger Konflikte.

Hätte der Mann mit dem Hammer seinen Nachbar zuerst gefragt: „Sie waren gestern so kurz angebunden – hat das etwas mit mir zu tun?“, so hätte er rasch rausgefunden, dass der Nachbar lediglich scheußliche Magen-Darmprobleme hatte. Welch fatale Fehlspekulation! 

Autor

Hanspeter Lanz
Wirtschaftsmediator (IHK)

Landgrafenstrasse 35
60486 Frankfurt am Main

Telefon: 069 - 91 50 15 70

 

E-Mail: hanspeter.lanz@Mediationsbüro-Frankfurt.de
Web: www.Mediationsbüro-Frankfurt.de


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